Mit Walter Lübcke ist – seit den RAF-Zeiten – wieder ein Politiker in Deutschland ermordet worden. Ist die Hetze in sozialen Medien Mitauslöser und tragen dem zur Folge die Absender von Hassbotschaften und die Social-Media-Plattformen eine Mitverantwortung? Um diese Fragen beantworten zu können, ist es wichtig, einen Blick auf den Ist-Zustand der Debattenkultur in sozialen Medien zu werfen.

Mehr Hetze in sozialen Medien?

Facebook ist erst 15 Jahre alt. Es gibt von Twitter über Instagram und YouTube bis zu 8chan ein breites Spektrum an Social-Media-Plattformen und Foren. Internetforen – das Usenet – existieren bereits seit Mitte der 80er-Jahre. Um die Frage beantworten zu können, ob Hetze in sozialen Medien zugenommen hat, wäre eine quantitative Auswertung der sozialen Medien und Foren erforderlich. Das ist unmöglich, weil keine sinnvolle Datenerhebung durchgeführt werden kann. Selbst bei Facebook kann die Wissenschaft nur die sichtbaren – weil öffentlichen Profile – auswerten. Alle privaten Profile sind außen vor. Plattformen mit ausschließlich privaten Profilen, wie zum Beispiel WhatsApp können überhaupt nicht analysiert werden.

Wie ist die Debattenkultur?

Im Gegensatz zu quantitativen Methoden können qualitative Methoden durchaus sinnvoll eingesetzt werden. Mit diesen Methoden werden ganz konkret Postings und Kommentare ausgewertet. Dr. Viola Neu (Konrad Adenauer Stiftung KAS) hat beobachtet, dass auf den Facebook-Profilen von Helene Fischer oder des Hamburger Sport Vereins eine respektvolle Debattenkultur gepflegt wird. Auf dem Profil von Bushido ist der Ton rauer, aber auch hier wird in den Kommentaren über das konkrete Thema des Postings diskutiert. Auch auf Politiker-Profilen finden häufig respektvolle Diskussionen mit vielen ausführlichen und sachlichen Kommentaren statt. Das es auch anders geht zeigt eine Analyse von Dr. Viola Neu zum letzten Bundestagswahlkampf. Auf Facebook-Profil der CDU war eine Diskussion zu den Postings überhaupt nicht möglich. Unter jedem Posting fanden sich sehr viele Kommentare, die ausschließlich das Thema Flüchtlinge adressiert haben.

Was können die Parteien dagegen tun. Sie könnten zum Beispiel mehr Geld für Community Management investieren. „Die Social-Media-Abteilungen sind ganz klein und haben kein Budget“, kritisiert Ann Cathrin Riedel (LOAD e.V. – Verein für liberale Netzpolitik). Das Debatten in Communities mit emotionalen Themen funktionieren können, zeigen Bushido und der HSV.

Debattenkultur und Gegenrede / Counterspeech

Die meisten Nutzer von sozialen Medien beschränken sich darauf, Texte zu lesen. Sie kommentieren nicht und sie posten auch nicht. Darum ist es kritisch, wenn in sozialen Medien unwidersprochen gelogen und gehetzt wird. In diesen Fällen kann Gegenrede helfen. Das gilt insbesondere bei den Fällen, in denen persönliche Beziehungen existieren. Dann ist nicht ausgeschlossen, dass Menschen ihre Meinungsäußerungen ändern und Postings korrigieren. Allerdings kann auch Gegenrede negative Auswirkungen haben. So erhöht sie zum Beispiel die Reichweite der ursprünglichen Postings.

Ein Beispiel für organisierte Gegenrede ist die Facebook-Gruppe ichbinhier. Die Gruppe hat 45.000 Mitglieder und kommentiert gemeinsam reichweitenstarke Postings und Artikel, unter denen sich viele Hasskommentare befinden.

Reichweite und nichtlineare Mediennutzung

Nur noch selten stellt sich noch ein landesweiter Lagerfeuereffekt bei der Nutzung von Medien ein. „Ich erreiche jeden irgendwo anders mit einer anderen Aufmerksamkeit.“ Da hat Viola Neu recht. Die Auflagen der landesweit erscheinenden Tageszeitungen gehen zurück. Zu den TV-Sendern sind Video-Streaming-Angebote wie Netflix hinzugekommen. Viele Menschen schauen nicht nur Fernsehen, sondern nutzen parallel noch ein Smartphone. Trotzdem kommen die politischen Social-Media-Angebote nicht an die Reichweite der großen Politik-Talkshows heran und einige Lokalzeitungen haben eine höhere Auflage als die FAZ. Darum stellt sich die Frage, ob die Wirkmächtigkeit sozialer Netzwerke nicht überschätzt wird.

Verschärfung des politischen Klimas?

Auch wenn sich eine Verschärfung des Klimas im Netz nicht nachweisen lässt, so wird es im Alltag von vielen Menschen so empfunden, macht Dr. Robert Grimm (Ipsos) deutlich. 73 Prozent der Deutschen sind der Meinung, Deutschland sei mehr gespalten als noch vor 10 Jahren. Rund ein Viertel glaubt, die Deutschen sind weniger tolerant. Die Ursachen dafür sind, nach Meinungen der Befragten, unterschiedliche politische Einstellungen und Werte (44 Prozent). Nur 36 Prozent betrachten Verteilungsfragen als ursächlich.

Beunruhigend ist, dass Menschen sich aus politischen Debatten zurückziehen, weil sie Hetze und Polarisierung nicht ertragen können. „Wir reden zu wenig über Menschen, die Angst haben, sich zu äußern.“ Da stimme ich Ann Cathrin Riedel ausdrücklich zu.

Der #pubtalk

Am 15. August fand der Berliner Pub Talk zu „Facebook – bessere Debatten und weniger Hetze, nur wie?“ statt. Diskutiert haben Ann Cathrin Riedel, Vorsitzende von LOAD e.V. – Verein für liberale Netzpolitik und Inhaberin der Agentur UP DIGITAL MEDIA mit Dr. Viola Neu, Leiterin des Teams Empirische Sozialforschung und stellvertretende Hauptabteilungsleiterin der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS). Moderiert hat Irene Waltz-Oppertshäuser. Dr. Robert Grimm, Leiter der Ipsos Sozial- und Politikforschung, hat in das Thema eingeführt. Der Berliner Pub Talk wird von Mitgliedern des Toastmaster-Club Berliner Redekünstler organisiert. XING News, Ipsos und die meko factory sind Partner.

Matthias Bannas